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5 Probleme demokratischer Parteien im Social-Media-Wettkampf

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a person standing in front of a neon sign

Es ist 19:47 Uhr. Es ist wieder Stammtisch im Gasthof zur "Goldenen Ente". Der Vorsitzende liest aus einem Ausdruck vor, den er am Nachmittag noch schnell ausgedruckt hat — DIN A4, zweispaltig, leicht schief. "TOP 2: Berichte und aktuelle Lage."

Die aktuelle Lage ist, wie sie immer ist: kompliziert. Das sagt auch Rudi, der seit einundzwanzig Jahren dabei ist. Man müsse "mehr machen auf Social Media". Irgendjemand anderes nickt. Jemand hat auf seinem Handy ein Video von Heidi Reichineck parat. Hunderttausend Likes. Die AfD sowieso. "Einmal die Ćevapčići und der Fitnesssalat", unterbricht die Bedienung. "So müssen wir das auch machen", sagt er, und dreht das Display in die Runde. Alle schauen kurz drauf. Alle nicken nochmal.

Was niemand am Tisch ausspricht — und was vielleicht auch niemand so genau benennen kann — ist die eigentliche Frage dahinter: Warum funktioniert es bei denen so gut?

Soziale Netzwerke sind keine Marktplätze für Meinungen. Sie sind Aufmerksamkeitsmaschinen. Facebook, TikTok, Instagram, X — sie alle lösen dasselbe technische Problem: Wie halte ich den Nutzer so lange wie möglich auf der Plattform? Die Antwort, die die Algorithmen über Milliarden von Datenpunkten gelernt haben, ist erschreckend simpel. Nicht der klügste Inhalt gewinnt. Nicht der ausgewogenste. Nicht der faktisch korrekteste.

Der emotionalste.

Wer scrollt, bleibt länger bei Inhalten stehen, die etwas auslösen — Empörung, Angst, Belustigung, Ekel, Triumph. Das registriert der Algorithmus. Er zeigt diesen Inhalt mehr Menschen. Die bleiben auch länger. Der Inhalt wird noch mehr Menschen gezeigt. Ein simpler Kreislauf, der sich millionenfach täglich wiederholt — und der über die Zeit ganz bestimmte Kommunikationsformen nach oben spült und andere still verschwinden lässt.

Welche das sind, ahnt man. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen.

Hier der gesamte Hauptteil:

1. Das Komplexitätsproblem

Rudi erklärt die Rentenpolitik seiner Partei seit einundzwanzig Jahren. Er kennt die Kompromisse, die Sachzwänge, die Koalitionsarithmetik. Er weiß, warum es so gekommen ist und nicht anders. Wenn man ihm zuhört — wirklich zuhört — ergibt es sogar Sinn.

Das Problem: Rudi braucht dafür acht Minuten.

Demokratische Politik entsteht durch Verhandlung. Das Ergebnis ist fast immer ein Kompromiss — und Kompromisse sind von Natur aus erklärungsbedürftig. "Wir haben die Rente leicht angehoben, aber nicht so stark wie ursprünglich geplant, weil der Koalitionspartner darauf bestand, gleichzeitig die Schuldenbremse einzuhalten" ist ein ehrlicher Satz. Er ist auch, algorithmisch gesprochen, wertlos.

Auf der anderen Seite des Tisches — metaphorisch gesprochen — steht jemand, der sagt: "Die verraten euch. Immer wieder."

Der Algorithmus kann diese beiden Botschaften nicht voneinander unterscheiden. Er misst nur, welche länger angeschaut, öfter geteilt, häufiger kommentiert wird. Und er hat seine Antwort längst gefunden.

2. Die Asymmetrie der Empörung

Empörung ist kein Stilmittel. Sie ist ein Geschäftsmodell.

Was populistische Kommunikation so effektiv macht, ist nicht die Lautstärke — es ist die Präzision. Ein gutes Empörungsvideo trifft einen Nerv, der bereits wund ist. Steigende Mieten, gefühlte Ungerechtigkeit, das Misstrauen gegenüber Institutionen, die immer versprechen und selten liefern. Das sind echte Gefühle. Der populistische Inhalt erfindet sie nicht — er kanalisiert sie. Und der Algorithmus belohnt genau das: Inhalte, die ein bereits vorhandenes Gefühl bestätigen und verstärken, performen besser als solche, die ein neues Bild der Welt anbieten.

Demokratische Parteien stehen hier vor einer Zwickmühle, aus der es keinen eleganten Ausweg gibt. Übernehmen sie die Empörungslogik, verlieren sie das, was ihre Kernwähler an ihnen schätzen: Seriosität, Verlässlichkeit, die Fähigkeit zur Differenzierung. Verweigern sie sie, verschwinden sie im Feed — still, ordentlich, ungesehen. Zwischen diesen beiden Optionen pendeln die meisten Parteien seit Jahren hin und her, ohne sich für eine zu entscheiden. Was dabei herauskommt, wirkt auf Social Media wie das Schlimmste aus beiden Welten: zu brav für Reichweite, zu aufgeregt für Glaubwürdigkeit.

3. Das Faktenproblem

Im Sommer 2016 prägte der Journalist Craig Silverman einen Begriff, der seitdem nicht mehr verschwunden ist: "Misinformation moves faster than correction." Falschinformationen verbreiten sich schneller als ihre Richtigstellungen. Das ist keine Beobachtung über die Dummheit des Publikums. Es ist eine strukturelle Eigenschaft des Mediums.

Eine Falschbehauptung braucht keine Beweise. Sie braucht nur einen starken ersten Satz und ein empörtes Emoji. Eine Richtigstellung braucht Kontext, Quellen, Geduld beim Lesen — und sie kommt immer zu spät. Bis sie erscheint, hat das Original bereits hunderttausend Menschen erreicht, wurde weitergeteilt, kommentiert, in Gruppenchats verschickt. Die Korrektur erreicht, wenn es gut läuft, ein Zehntel davon.

Für demokratische Parteien bedeutet das: Sie spielen permanent Abwehr. Jede Gegendarstellung kostet Zeit und Aufmerksamkeit, die sie nicht in eigene Botschaften investieren können. Und jede Korrektur — so berechtigt sie ist — wirkt im Feed wie Defensive. Wer erklärt, hat schon verloren, sagt ein altes Kommunikationsprinzip. Auf Social Media stimmt das erschreckend oft.

4. Das Authentizitätsdilemma

Heidi Reichineck funktioniert auf TikTok, weil sie wie Heidi Reichineck wirkt. Nicht wie eine Partei. Nicht wie eine Pressemitteilung. Wie ein Mensch, der eine Meinung hat und sie ausspricht, ohne drei Abstimmungsrunden im Kommunikationsteam davor.

Das ist kein Zufall und keine Naturbegabung. Es ist ein Format, das Social Media seit Jahren heranzüchtet und belohnt: die starke Einzelstimme. Der Algorithmus liebt Wiedererkennbarkeit und liebt das Gefühl, jemandem zu folgen — nicht einer Institution. Oder besser gesagt: Der Nutzer liebst es!

Demokratische Parteien sind aber keine Einzelpersonen. Sie sind Kollektive, die auf Ausgleich ausgelegt sind. Es gibt selten eine Stimme, die für alle spricht, ohne dass irgendwo intern jemand die Augenbraue hebt. Wer nach außen zu stark auftritt, eckt nach innen an. Wer intern konsensfähig kommuniziert, wirkt nach außen weichgespült. Die Parteidisziplin, die im Parlamentsbetrieb eine Tugend ist, wird auf Social Media zur Fessel.

5. Die Agenda-Falle

Populistische Akteure haben verstanden, dass die eigentliche Macht nicht darin liegt, eine Wahl zu gewinnen — sondern darin, zu bestimmen, worüber geredet wird. Eine gezielte Provokation, ein bewusst überzeichnetes Statement, eine Forderung am Rand des Sagbaren: all das zwingt andere dazu, zu reagieren. Zu widersprechen, zu relativieren, zu erklären, warum das so nicht stimmt. Und während sie das tun, hat die Gegenseite bereits das nächste Thema gesetzt.

Demokratische Parteien laufen in diese Falle mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit. Sie antworten, weil sie es für ihre Pflicht halten. Weil Schweigen falsch verstanden werden könnte. Weil die eigenen Mitglieder eine Reaktion erwarten. Was dabei oft übersehen wird: Jede Reaktion ist auch eine Bestätigung. Sie signalisiert, dass das Thema wichtig genug ist, um es ernst zu nehmen. Sie gibt der Provokation Gewicht, das sie alleine nie gehabt hätte.

Was also tun?

Die schlechte Nachricht zuerst: Es gibt keine Gegenstrategie, die das strukturelle Problem löst. Solange Plattformen nach Engagement optimieren und Empörung das stärkste Engagement erzeugt, werden demokratische Parteien auf diesem Terrain im Nachteil sein. Wer das nicht akzeptiert, wird weiter Instagram-Accounts eröffnen und sich wundern, warum es nicht funktioniert.

Die gute Nachricht: Es gibt Wege, klüger zu spielen.

Plattformen strategisch wählen und auch nicht

Nicht jede Plattform gut. YouTube belohnt Länge und Tiefe. Podcasts schaffen Bindung. Newsletter erreichen Menschen, die aktiv zuhören wollen. Wer versucht, überall präsent zu sein, ist nirgends wirklich stark.

Personal Brands aufbauen

Menschen folgen Menschen, nicht Parteien. Das ist eine Chance, die demokratische Parteien bisher systematisch liegen lassen. Ein Stadtrat, der regelmäßig zeigt, was er konkret tut. Eine Abgeordnete, die ihre Arbeit sichtbar macht (ehrlich!!). Das kostet keine große Produktionsinfrastruktur. Es kostet Konsequenz und die Bereitschaft, auch mal unbequem persönlich zu werden. Und es braucht Mut. Mut zu kommunizieren, ohne dass es durch den Kreisvorstand abgenickt wurde. Und den Mut, Gegenwind auch auszuhalten.

Inokulieren statt reagieren

Studien zeigen, dass Menschen resistenter gegen Desinformation werden, wenn man ihnen erklärt, wie sie funktioniert, bevor sie ihr begegnen. Wer Wähler über Manipulationstechniken aufklärt, bevor die nächste Provokation kommt, spielt zum ersten Mal offensiv.

Die Agenda-Falle erkennen — und manchmal einfach nicht reagieren

Schweigen ist keine Niederlage. Manchmal ist es die einzige Antwort, die der Provokation nichts gibt.

Es ist 21:14 Uhr. Der Vorsitzende faltet seinen DIN-A4-Ausdruck wieder zusammen. Jetzt auch noch zerknittert. Man habe heute viel besprochen, sagt er. Gute Diskussion. Beim nächsten Mal mehr zum Thema Social Media, der Neffe von Thomas könne da vielleicht was vorbereiten.

Rudi nickt. Er nickt seit einundzwanzig Jahren. Ein Auto fährt vorbei.

Die Goldene Ente schließt um halb elf.

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